Freitag, 9. November 2012

A typical day

Wie es der Titel schon verraet, soll dieser Post den Ablauf eines typischen Schultages in der
Class-of-Hope schildern. Alles beginnt um 8.30 Uhr mit der morgendlichen Putzaktion. Einem Wochenplan folgend uebernimmt jeder Schueler eine bestimmte Aufgabe. Es wird gefegt, abgestaubt,
geschrubbt, gewienert, poliert und nass gewischt, kurzum die ganze Bude auf Vordermann gebracht.
Putzaktion.

 
Puztplan.

Zu einem guten Start in den neuen Tag gehoert natuerlich auch etwas religioese Erbauung, weshalb sich die Klasse um ca. 9.00 Uhr zum buddhistischen Morgenritual versammelt. Zunaechst werden dem Abbild des Buddha einige Opfergaben dargebracht. Darunter Blumen, Wasser, das Licht einer Oellampe und der Duft von Raeucherstaebchen. Anschliessend rezitieren die Schueler Gathas (Sanskrit: Strophen), kurze Verse aus dem Pali-Kanon, die die Opferzeremonie begleiten. Zum Schluss werden die Opfergaben herum gereicht, jeder Einzelne beruehrt sie, faltet die Haende und verbeugt sich. Auf diese Weise glaubt man, den Segen des Lord Buddha zu erlangen. 
Tatsaechlich ist dieses Prozedere eher den hinduitischen Einfluessen zu verdanken, die den sri-lankischen Theravada-Buddhismus von Anfang an gepraegt haben. Der Buddha selbst war derlei Goetzenanbetung eher abgeneigt.
Gebet.
 Aber wie auch immer, der Exkurs sei hiermit beendet, denn die Klasse stellt sich auf, um die Sri-Lankische Nationalhymne zu schmettern, deren Titel "Sri Lanka Matha" lautet. Wer sich naeher fuer den Text interessiert, wird hier fuendig. Die deutsche Uebersetzung halte ich fuer ausgesprochen kitschig, auf Singhalesisch klingt das Ganze schon feierlicher.

"Sri Lanka Matha"
 Jetzt duerfte es etwa 9.30 Uhr sein, das Hauptprogramm geht in die Vollen. Der Einfachheit halber gebe ich eine Uebersicht in Wochentagen:

Montag:
Montags werden die Schueler von Wasanta im Naehen und Sticken unterwiesen. Sie stellen unter kundiger Anleitung beispielsweise Tischdecken und Kissenbezuege her, die dann mit Hilfe von Schablonen mit allerlei bunten und froehlichen Motiven bestickt werden. Langfristig sollen die
Schueler auch befaehigt werden, ihre eigene Kleidung zuzuschneiden und auszubessern. Dafuer steht der Klasse auch bereits eine vollautomatische Naehmaschine zur Verfuegung. Wie unschwer zu erraten ist, koennen die Jungs mit derlei weibischem Kram eher wenig anfangen und halten sich daher meist vornehm zurueck, wenns ums Naehen und Sticken geht. Nicht weiter tragisch, denn somit koennen wir den Jungs, die ja ohnehin in der Minderheit sind, fuer Montag schwerpunktmaessig Computerunterricht geben.


Dienstag:
Dienstags steht Vocational-Training auf dem Stundenplan, Thiranis Spezialgebiet. Darunter kann man im Groben und Ganzen Basteln verstehen, allerdings hat die Uebung einen erweiterten Sinn. Die hier erworbenen Faehigkeiten koennen die Schueler spaeter nutzten, um sich ein kleines Zubrot zu verdienen, indem sie ihre Produkte verkaufen. Die Plaette reicht von rein praktischen Erzeugnissen wie Dochten fuer Oellampen bis zu kunsthandwerklichen Gegenstaenden wie Tischmatten, Vasen, Papierblumen und Freundschaftsbaendchen. Insbesondere bei feinmotorischen Arbeiten wie dem genauen Ausschneiden von Papierstuecken sind viele Schueler ueberfordert und beduerfen geduldiger Begleitung und viel Lob, um Fortschritte erzielen zu koennen.

Vocational-Training


Mittwoch:
Mittwoch ist Ruwantis Tag, denn heute ist Malen angesagt. Derzeit kolorieren die Schueler Wandteppiche mit Acrylfarben. Zuerst wird ein verschiedenfarbiger Hintergrund gestaltet, dann zeichnet die Lehrerin mit Hilfe einer Schablone ein Motiv auf den Stoff und die Schueler duerfen sich beim Bemalen austoben. So entstehen pittoreske Wanddekorationen mit Huehnern, Elefanten, Delphinen, Affen und anderen Exemplaren aus der reichhaltigen Fauna Sri Lankas, die auch einen hohen kuenstlerischen Wert besitzen.

Malen.



Donnerstag:
Am Donnerstag wiederholt sich das Dienstagsprogramm.

Freitag:
Freitag waere nun eigentlich der Wochentag, der fuer das lebenspraktische Training und die Partizipation an der Gesellschaft reserviert ist. Normalerweise wuerden die Schueler das Kochen ueben und dorthin gehen, wo sie hingehoeren, naemlich in die Mitte der Gesellschaft, beispielsweise zum Einkaufen oder um das Busfahren zu trainieren. Zurzeit verhaelt es sich aber anders, denn am
10. Dezember werden die Schueler im beliebten Badeort Unawatuna ihre Faehigkeiten und Talente unter Beweis stellen. In einer grossen Ausstellung mit angeschlossenem Konzert wird das Ergebnis
von Monaten harter Arbeit der Oeffentlichkeit praesentiert werden. Deshalb wird der Freitag augenblicklich dazu verwendet, alle Vorbereitungen fuer dieses Event voranzutreiben.
Alle Lehrkraefte erscheinen, unterrichten jeweils parallel ihre Faecher und arbeiten gemeinsam mit den Schuelern daran, die Ausstellungstuecke fertigzustellen.

Nebenbei wird noch an allen Wochentagen Computerunterricht erteilt. Auf diesen besonderen Programmpunkt bin ich in meinem letzten Post bereits naeher eingegangen. Weiterhin faellt das starke Leistungsgefaelle auf. Wir koennen jeden Schueler etwa 2-3 mal pro Woche an den Laptop setzen. Fuer einige ist die Arbeit mit Paint keine Herausforderung mehr. Bei anderen ist die Lernkurve weiterhin nicht gerade steil, weil das Erlernte sehr schnell wieder vergessen wird. Aber es geht voran, langsam und dennoch stetig.

Nachdem die Schueler nun einige Stunden ihrem Tagwerk nachgegangen sind, ist es um ca. 11.30 Uhr Zeit fuer die Teepause. Einem anderen Wochenplan folgend bereitet ein Schueler den Tee fuer die ganze Klasse zu. Man trinkt den guten, einheimischen Schwarztee. Sri Lanker moegen ihn mit viel Zucker und teurem importierten Milchpulver. Warum sie nicht auf die heimische Kuhmilch zurueckgreifen, konnte mir niemand wirklich ueberzeugend erklaeren. Offenbar ist der Preis nicht das Problem. Ich jedenfalls bevorzuge den Tee ohne Milchpulver und Zucker. Teepause bedeutet fuer die Schueler auch gleichzeitig Mittagessen und Mittagessen ist in Sri Lanka geradezu ein Synonym fuer Reis und Curry. Allgemein besitzt die Sri Lankische Kueche wenig Variabilitaet. Zu jeder Tageszeit landet Reis im Zusammenspiel mit Fisch-, Huehner- oder Gemuesecurry auf dem Teller. Alternativ gibt es Stringhoppers, lange duenne Nudeln aus Reismehl, herkoemmliche Nudeln wie wir sie vom Asiaten kennen, Bohnen oder Weissbrot. Besonders beliebt und verbreitet ist Dal, ein Curry, das aus verschiedenen Huelsenfruechten gewonnen wird und urspruenglich aus Indien stammt. Die Sri Lanker sind keine Freunde des Bestecks, gegessen wird mit der rechten Hand. Das hat seine Vorteile, denn Knochen und Graeten werden prinzipiell nicht vorher entfernt, was das Essen mit Messer und Gabel ausgesprochen kompliziert macht.

Teatime.


Gesaettigt und gestaerkt fuer den weiteren Tagesverlauf beginnt nun immer Dienstags und Donnerstags die Sing- und Tanzstunde, Dhammikas und Malkis spezielle Domaene.
Auch der Musikunterricht steht in diesen Tagen ganz im Zeichen des anstehenden Konzerts, in dem die Schueler Choreographien und Lieder vortragen werden, sowohl in Singhalesisch, als auch in Englisch. Das Programm wird sogar einige Kreationen von Dhammika enthalten, die aus ihrer eigenen Feder stammen. Das Einstudieren der Tanzschritte und das Einueben der Liedtexte stellt an die Schueler sehr hohe Ansprueche und erfordert wiederum ein hohes Mass an Geduld und Einfuehlungsvermoegen. Beide Lehrkraefte koennten diesbezueglich aber nicht professioneller
sein und schaffen es immer wieder die konzentrierte Arbeitsatmossphaere mit viel Humor durchzupfluegen. Der Klasse steht mittlerweile auch genug Ausruestung zur Verfuegung, um fuer einen wirklich hochwertigen Musikunterricht zu garantieren. Darunter ein Keyboard, ein Harmonium, mehrere Trommeln und seit neuestem auch ein Mikrophon.  
Tanzstunde.


Tja, wie schnell die Zeit doch vergeht. Ein Blick auf die Uhr sagt uns, dass es bereits 13.30 Uhr ist, der offizielle Schulschluss in ganz Sri Lanka. Die Eltern warten bereits im Vorzimmer und luken immer wieder durch den Vorhang in den Klassenraum. Zeit zu gehen. Ein typischer Tag in der Class-of-Hope geht zu Ende. Ich selbst werde mich jetzt ein wenig auf Wanderschaft begeben und meine Arbeit hier fortsetzen, sobald ich zurueck bin. Winke, winke!

Winke, winke!

 





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