Donnerstag, 13. Dezember 2012

Reisebericht (Teil 2)

Unsere weitere Route fuehrte uns nach Norden ueber Mannar nach Jaffna, in den Osten nach Trincomalee und von dort wieder ins kulturelle Dreieck nach Polonnaruwa.

5. Mannar:

Busbahnhof von Mannar
Auf dem Weg zur Jaffna-Halbinsel gelangten wir in das im Nordwesten gelegene Fischerstaedtchen Mannar, das auf der gleichnamigen Insel liegt. Mannar ist ein verschlafenes und auf den ersten Blick wenig spektakulaeres Fleckchen Erde. Besonderes Attribut sind die wilden Esel, die sich zu den ueblichen streunenden Hunden und Rindern gesellen. Ansonsten bietet Mannar einen ueberdimensionalen Affenbrotbaum, ebenso breit wie hoch, der angeblich von arabischen Haendlern aus ihrer afrikanischen Heimat mitgebracht wurde. Eine weitere Attraktion ist das verfallene portugiesische und spaeter hollaendische Fort. Bis vor kurzem war die Anlage vom Sri Lankischen Militaer okkupiert. Wir fanden dort zu unserer Ueberrraschung einige interessante Gestalten vor. Zunaechst hielten wir sie fuer Landstreicher oder illegale Hausbesetzer. Sie hatten sich in den Ruinen bereits behaglich eingenistet, eine Feuerstelle errichtet und die alten Festungsgebaeude teilweise zu Wohnhaeusern umfunktioniert.
City-centre.
 Sie fuehrten uns ein wenig herum, zeigten uns das ehemalige Pulvermagazin, das sie als Lagerraum verwendeten, und die Grabplatten in der hollaendischen Kirche. Von den noch intakten Mauern des Forts geniesst man uebrigens einen herrlichen Blick ueber die Meerenge und den Deich, der Mannar mit dem Festland verbindet. Bald stellte sich heraus, dass es sich bei den vermeintlichen Hausbesetztern ausschliesslich um Singhalesen handelte.
Und es gibt kaum einen Singhalesen im Norden Ceylons, der nicht Armee- oder Polizeieinheiten angehoert. Auf Nachfrage gab sich der eigenwillige Haufen schliesslich als Soldaten und Archaeologen zu erkennen, von der Regierung mit der Mission betraut, das alte Fort wieder ansehnlich zu machen.
Das alte Fort.
  Wenn die sympathischen Muessiggaenger jetzt auch noch arbeiten wuerden, waere das kein Ding der Unmoeglichkeit. Aber es scheint, als wollten sie das lieber ihren Kindern ueberlassen, oder den Kindern ihrer Kinder oder den Kindern ihrer Kinder ihrer...
Wie dem auch sei, sowohl klimatisch, als auch ethnisch, als auch kulturell waren wir im Norden angekommen. Nach Wochen des Regens im kulturellen Dreieck und im Hochland machte die Trockenzone ihrem Namen alle Ehre. Trotz Monsun-Zeit brannte die Sonne heisser und trockener als gewohnt auf die staubigen Strassen und die karge Vegetation am Wegesrand. Die Bevoelkerung Mannars besteht zum groessten Teil aus Tamilen, von denen wiederum ein Grossteil katholisch ist. Dementsprechend haeufig sind blau-weiss gestrichene Marienschreine. Die hinduistischen Tamilen stellen nur eine Minderheit. Trotzdem befindet sich unweit von Mannar und noch auf dem Festland der Thiruketheeswaram Kovil, eines der wichtigsten Shiva-Heiligtuemer des Landes.

Auf der Mauer, auf der Lauer...
Wir besuchten ihn abends direkt nach unserer Ankunft. Allein die rasante Busfahrt ueber den Deich bei Sonnenuntergang war ein Erlebnis. Tueren und Fenster sperrangelweit offen, den Fahrtwind im Gesicht und Wasser zu beiden Seiten ging es in Richtung Ziel.Verglichen mit dem Skanda-Tempel in Jaffna war diese Anlage relativ bescheiden. Den Eingang markierte ein typischer Torturm in Form von zwei abgeflachten Kegeln, die mit bunten Darstellungen aus der hinduistischen Mythologie verziert sind. Im Inneren des rechteckigen Gebaeudes befand sich in der Mitte der Hauptschrein zur Verehrung Shivas. Um ihn herum entlang eines breiten Korridors gruppierten sich die Schreine der anderen Gottheiten. Pfaue und wilde Hunde bevoelkerten das Gelaende rund um das Heiligtum. Wie vorgeschrieben betrat ich den Tempel ohne Schuhe und mit nacktem Oberkoerper. Zunaechst herrschte andaechtige Verschlafenheit, nur wenige Besucher waren zugegen, die Schreine waren verschlossen, ab und zu war der seltsame Ruf des Pfaus zu vernehmen.
Affenbrotbaum.
Doch unvermittelt geriet Bewegung in die Stille. Priester erschienen. Halbnackt, hager und schmuckbehaengt, in rote Sarons gehuellt, die Koerper bemalt und das Haar zusammengeknotet. Trommeln wurden geschlagen, schrille Floetentoene und Hoerner erklangen, eine durchdringende Kakophonie ueberflutete das Gemaeuer. Die Schreine wurden geoeffnet, Fackeln und Oellampen entzuendet, der Duft von Weihrauch hing in der Luft. Dieses archaisch-kultische Treiben uebte eine spontane Faszination auf mich aus und ich folgte wie gebannt diesem fremdartigen Goetzendienst. Was ich mir von all den touristen-verseuchten buddhistischen Heiligtuemern erwartet hatte, fand ich nun hier an diesem abgeschiedenen Ort: eine lebendige spirituelle Atmossphaere. Dementsprechend zufrieden und beschwingt verliessen wir das Heiligtum, wo uns die Dunkelheit verschluckte und den Blick auf einen sternenklaren Nachthimmel freigab.

6. Jaffna: 

 Die mit Abstand abenteuerlichste Busfahrt fuehrte uns von Mannar in die Tamilenmetropole Jaffna. Ueber eine holprige Sandpiste ging es nach Norden. Wir durchquerten die Vanni, eine ausgedoerrte savannenartige Landschaft uebersaet mit Stechpalmen und hartem Stauchwerk. Die Wunden des Buergerkrieges sind noch immer frisch. Zuweilen entdeckt man Warnschilder, die auf Minenfelder hinweisen. Mitten in der Pampa sitzen etwa alle 1000 Meter bewaffnete Posten am Wegesrand.
Anfahrt von Mannar.
Zweimal wurden wir an militaerischen Checkpoints aufgehalten. Unsere Reisepass-Nummern wurden notiert und der Grund unseres Aufenthalts erfragt. Da die Sri-Lankische Regierung westliche NGOs der Kollaboration mit der LTTE verdaechtigt, verschwieg ich tunlichst meine Freiwilligentaetigkeit. Die Soldaten waren aber ausnahmslos freundlich und alles verlief reibungslos.
Auch hatten wir Glueck mit dem Bus. Es war ein Privatbus mit Fernseher und sie zeigten einen hoffnungslos ueberdrehten tamilischen Action-Film, in dem indische Polizisten gegen eine okkulte Gangsterbande kaempfen.
Jaffna-Fort.
 Nach achtstuendiger Fahrt erreichten wir schliesslich Jaffna und fanden nach laengerer Odyssee in der Dunkelheit auch ein freundliches Quartier. In den naechsten Tagen erkundeten wir die Stadt und das naehere Umland der gleichnamigen Halbinsel. Wie auch Manner bietet Jaffna ein renovierungsbeduerftiges Fort, das jedoch wesentlich imposanter daherkommt als in dem beschaulichen Fischerstaedtchen. Auch nimmt man es mit der Restaurierung etwas genauer. Immerhin hat die niederlaendische Regierung eine huebsche Summe bereitgestellt, um ihr kulturelles Erbe wiederherrichten zu lassen. Besonders schoen ist die Stimmung bei Sonnenuntergang, wenn die Wallmauern und Deiche, die ueber den seichten Ozean der Jaffna-Lagune fuehren, in zartes Abendrot getaucht sind.
Sunset over Jaffna.
 Weiterhin ist das Strassenbild von unzaehligen Textilgeschaeften gepraegt, eines reiht sich an das andere und alle scheinen die gleiche Ware zu fuehren. Auf die Frage, wie sie trotzdem alle bestehen koennen, habe ich selbst keine Antwort gefunden. Aber ich nutzte die Gelegenheit, um mich mit einem Saron, dem traditionellen Gewand Sri-Lankischer Maenner einzudecken. Sinnbild tamilischer Identitaet ist der weissgetuenchte palastartige Bau der Tamil-Library. 1981 von singhalesischen Sicherheitskraeften in Brand gesteckt, spaeter saniert und seit 2004 wiedereroeffnet, wirkt sie fast ein wenig zu frisch und neu fuer diese vom Krieg mitgenommene Stadt.

Tamil-Library.
Die Bibliothek kann auch als Symbol fuer Bildungshunger und Ehrgeiz der tamilischen Minderheit gedeutet werden.
Drinnen herrscht eine andaechtige Atmossphaere, wie vor einem Tempel laesst man die Schuhe am Eingang zurueck. Ich setzte mich ein Stuendchen nieder und las. Es gibt naemlich ebenso viele Buecher in Englisch wie in Tamil. Fuer die Tamilen war es offenbar eine Notwendigkeit, weltoffen und polyglott zu sein. Man trifft kaum einen, der nicht mindestens eine gewisse Zeit im Ausland gelebt hat und mehrere Sprachen fliessend beherrscht.


Meine Strasse.
 Besonders bemerkenswerte Faehigkeiten hatte ein tamilischer Seemann, den wir auf der Strasse trafen. Er sprach neben Tamil auch Singhalesisch, Englisch, Deutsch, Franzoesisch, Italienisch und ein wenig Griechisch Ansonsten ist sich Jaffna selbst die groesste Sehenswuerdigkeit. Viele zerstoerte oder beschaedigte Haeuser erinnern an den kuerzlich beendeten Buergerkrieg, die Infrastruktur ist teilweise marode, etwa alle 45 Minuten faellt der Strom aus, jedoch werden Entwicklung und Wiederaufbau langsam aber stetig vorangetrieben. Und all diese strukturellen Maengel kompensiert die Stadt mit einem sehr lebendigen Flair. Sich einfach ein bisschen treiben zu lassen und durch die zahlreichen Geschaefte zu bummeln, ist unbedingt empfehlenswert.


Blauer Gandhi.
Manchmal erlebt man seltsame Deja-vus, wie ich zum Beispiel mit der David-Road, die in der Naehe der grossen St. Marys Cathedral liegt. Unsere Ausfluege in die naehere Umgebung fuehrten uns unter anderem nach Point Pedro, den noerdlichsten Ort der Insel , dessen Hauptattraktion eine skurrile blaue Gandhi-Statue. Von dort aus ging es mit dem Tuk-Tuk nach Manakadu, ein so eigentuemliches wie faszinierendes Fleckchen Erde. Empfohlen wurde uns dieser Ort von unserem Gastwirt. Er war ein lustiger alter Tamile, der den ganzen Tag mit einem Buch vor der Nase im Haus umher lief und mit gutturaler Stimme sein Mantra rezitierte. Manakadu jedenfalls ist ein winziges am Meer gelegenes Dorf, das durch den Tsunami 2004 komplett dem Erdboden gleich gemacht wurde. Das heutige Manakadu ist eine von den Chinesen gespendete Retortensiedlung. Eine wuestenartige Duenenlandschaft, eine verfallene kleine Kirche und ein Friedhof auf einem Sandhuegel, der von Ziegen okkupiert wird, praegen die Umgebung.

Manakadu.
 Ich war zwar noch nie in der Karibik, aber so oder so aehnlich stelle ich sie mir vor.
Bevor es zurueck nach Point Pedro ging, machte unser Fahrer noch einen Abstecher zum nahegelegenen Strand. Bestimmt kilometer-lang, einsam und einladend zog er sich entlang der Duenen hin. Ohne Frage, entsprechend erschlossen und ausgestattet hat diese Region das Zeug, dem Sueden und Osten als Touristenmagnet ernsthaft Konkurrenz zu machen. Hoffe allerdings instaendig, dass es nicht soweit kommt, denn eines Tages moechte ich hierher zurueckkehren und bloss keinen einzigen schmerbaeuchigen Europaeer vorfinden. Es sei denn mich selbst.

Strand bei Point-Pedro.
Fuer mich persoenlich ein weiteres grosses Highlight lag auf dem Rueckweg von Point Pedro nach Jaffna. Dort erwartete uns das groesste Hindu-Heiligtum Sri Lankas, der Nallur-Kandaswamy-Kovil. Erneut waren wir im Glueck. Bereits ein paar Kilometer vor dem Tempel nahm der Bus eine Umleitung und wir mussten den weiteren Weg zu Fuss zuruecklegen. Wir gingen fast unter in einem Strom aus festlich gekleideten Glaeubigen, der sich auf den Nallur-Kandaswamy-Kovil zubewegte. Das Spektakel, das sich dort ereignete , nannten die Hollaender nicht umsonst "Karneval". Der beliebte Kriegsgott, Murugan, dem der Tempel geweiht ist, bekaempfte einen bizarren elefantenkoepfigen Daemon.

Alles stroemt zum Heiligtum.
 Der gesamte Tempelvorplatz war von einer bunten Menschenmenge eingenommen und die beiden massiven lebensgrossen Puppen ruhten jeweils auf den Schultern von dreissig Mann. Murugan ritt auf einem Bullen und trug sein Wahrzeichen, den Speer bei sich, waehrend der Elefantendaemon mit Pfeil und Bogen bewaffnet war. Die Menschenmasse geriet unvermeidlich in Bewegung, als sich die Kontrahenten umkreisten und goldfarbene Pfeile aus Pappe hin und her geschleudert wurden.


Tempelfest

Zum Schluss obsiegte natuerlich der Gott und die Glaeubigen jauchzten, als der Daemon durch Murugans Speer gekoepft und sein abgetrenntes Haupt fortgeschafft wurde. Im Tempel selbst herrschte indes eine aehnlich mitreissende Stimmung wie in Mannar, nur in wesentlich groesserem Stil und ohne Live-Musik. Die Leute draengten sich, ihre Mantras zu beten, allerlei Opfergaben darzubringen, Glocken zu laeuten und sich mit Asche zu beschmieren, die aus verbrannten Kuhfladen gewonnen wird. Erneut erfasste mich der Wirbel und ich wurde von den Hollaendern gruendlich verlacht, als ich den Tempel wieder verliess, mit grauen Streifen auf Gesicht und Oberkoerper.


7.Trincomalee:

Nilaveli.
Um fuenf Uhr morgens ging es schliesslich weiter nach Trincomalee. Dieses Mal war die Busfahrt weniger erfreulich. Wir erwischten einen unkomfortablen staatlichen Bus ohne Unterhaltungsprogramm, in dem wir wiederum etwa acht Stunden ausharren mussten, bis wir die Hafenstadt im Osten erreichten.
 Dort wollten wir aber nicht bleiben. Wie die meisten Touristen zog es uns an die nahegelegenen Straende von Uppuveli und Nilaveli, die einige Kilometer ausserhalb liegen. Was folgte, war erneut eine ueberaus anstrengende Herbergssuche in der prallen Mittagshitze, nervenaufreibende Fussmaersche mit vollem Gepaeck, Fahrten in ueberfuellten Lokalbussen und Tuk-Tuk-Fahrer, die schamlos Wucher betrieben. Es endete damit, dass ich fuer die Nacht am Nilaveli blieb und die Hollaender am Uppuveli.

Uppuveli
 Der Nilaveli ist an sich der schoenere Strand, allerdings ist die See zur Monsun-Zeit sehr rau, es herrschen gefaehrliche Unterstroemungen und in der Brandung treiben scharfe kleine Steine und Muschelschalen. Zudem lag meine Herberge, die billigste am Ort, direkt neben einem militaerischen Sperrgebiet. Der Weg zum Strand war von Stacheldraht und einem bewaffneten Posten gesaeumt, Schilder warnten vor gefaehrlicher Strahlung.
Ich entschied, am naechsten Tag zu den Hollaendern zu ziehen, was ich nicht bereuen sollte.

Conserving the deer population.
 Trincomalee selbst bietet einige interessante Eigenheiten. Was die Esel fuer Mannar sind, ist die Wildpopulation fuer Trincomalee. Das letzte, was man von einem tropischen Eiland erwarten wuerde, sind zutrauliche Rehe, die die Strassen und Plaetze bevoelkern. Aber es gibt sie und man teilt gerne seinen Proviant mit ihnen. Ausserdem scheinen die Leute hier nicht gerade auf frischen Fisch zu stehen. Nirgendwo anders in Sri Lanka habe ich derartige Mengen an Trockenfisch haengen, liegen und in der Sonne vor sich in muffeln sehen. Natuerlich konnten es die Kolonialmaechte nicht lassen, auch in Trincomalee ein Fort hinzuklotzen. Es liegt auf einer kleinen Halbinsel, die die Back Bay im Norden von der Dutch Bay im Sueden trennt. Die gut erhaltene Anlage beherbergt das Gajaba-Regiment, die tollkuehnsten Frontschweine der Sri Lankischen Armee und eisenhaertesten Infanteristen Westasiens. Oder vielleicht auch nicht.

Trockenfischhaendler.
 Direkt neben der Garnison steht paradoxerweise ein buddhistischer Tempel, in dem sogar ein paar Moenche residieren. Ob das mit der Lehre von Lord Buddha vereinbar ist, sei mal dahingestellt. Jedenfalls kann man die Anlage ohne weiteres betreten und durchschreitet dabei eine angenehm schattige Allee aus maechtigen alten Niembaeumen, die zur Spitze des Landzipfels fuehrt. Dort befindet sich ein bedeutendes Shiva-Heiligtum, das aehnlich wie in Dambulla mit einem goldfarbenen Kitsch-Goetzen aufwartet. Am aeussersten Ende liegt der Swami-Rock, von dem aus man einen herrlichen Ausblick ueber die steil abfallenden Klippen und  den endlosen Golf von Bengalen geniesst.

Aussicht vom Fort.
Swami-Rock.
Ansonsten gab es in Trincomalee wieder en masse hinduistische Tempel, koloniale Kirchen und Friedhoefe zu besuchen, deren Beschreibung meine Bequemlichkeit und die Aufmerksamkeit meiner Leser zu sehr strapazieren wuerde. Einen Ort moechte ich als alter Friedhofsfetischist aber nicht unerwaehnt lassen, naemlich den Trincomalee-War-Cemetery nahe dem Uppuveli-Strand. In dem sorgsam gepflegten Graeberfeld ruhen 362 Gefallene des zweiten Weltkriegs, die im Dienste des Commonwealth gegen die kaiserlich-japanischen Streitkraefte gekaempft haben. Unter anderem Sri lanker, Inder, Chinesen, Italiener und Australier. Die meisten von ihnen fielen einem japanischen Luftangriff auf den Hafen von Trincomalee am 9. April 1942 zum Opfer. Zwar residiert hier kein uriger Geschichtenerzaehler, aber die Grabsteine aus weissem Marmor liefern Information genug. Ansonsten verbrachte ich meine Stunden mit wohltuendem Muessiggang. Schwimmen und dann zum Rauschen der Brandung vor sich hin doesen. Der zweite Tag am Uppuveli-Strand wurde fuer uns alle dann zum teuersten und mit auch Abstand zum genuesslichsten.
 Ich goennte mir eine ayurvedische Full-Body-Massage, in deren Verlauf mein reisemueder Leib kreaftig durchgewalkt und mit duftenden Oelen eingerieben wurde.

Trincomalee-War-Cemetery
 Zur Kroenung wurde dann das Dinner. In einem gemuetlichen Restaurant direkt am Strand wurde uns zunaechst die fangfrische Ware praesentiert. Red Snapper, Thunfisch, Langusten und ein 2,4 Kilogramm schwerer Brocken von einem Jackfish. Sofort, als ich diesen Fisch sah, wusste ich: der oder keiner. Etwa zwei Stunden spaeter lag er gegrillt, saftig und mit einer delikaten Knoblauchsauce angemacht vor uns auf dem Tisch. Dazu gab es Salat und Frenchfries. Leider konnten wir diesem Prachtexemplar von einem Fisch nicht die Ehre erweisen, ihn vollstaendig zu verspeisen. Unsere unwuerdigen Verdauungstrakte waren nicht voluminoes genug. Aber er sollte nicht umsonst gestorben sein. Wie warfen die Ueberbleibsel seiner Ueberbleibsel den Strandhunden zum Frass vor. Auf einer Welle des Positiven reitend, spazierten unter sternenklarem Himmel zurueck zum Guesthouse, bevor uns Abschluss eine Flasche Old-Reserve erwartete.

Dienstag, 11. Dezember 2012

Let me fly





Der 10. Dezember ist vorueber und wir koennen im Grossen und Ganzen sehr zufrieden mit diesem Tag sein. Das oeffentliche Interesse war zwar geringer als erwartet, aber das machte die Veranstaltung wohl nur exklusiver. Die Schueler meisterten diese Herausforderung mit ungeahnter Souveraenitaet und begingen nur wenige kleine Schnitzern. Was aber am wichtigsten ist: sie genossen es und hatten grossen Spass daran im Rampenlicht zu stehen. Auch ihre Familien und Freunde waren nicht wenig stolz auf die Faehigkeiten, die sie an diesem Tag bewiesen hatten. Die Ausstellung ging im Schatten des Konzerts ein wenig unter, trotzdem waren die huebsch arrangierten Ausstellungsstuecke ein echter Blickfang. Es folgt eine kleine Fotoshow ueber die Highlights des Tages:


Ausstellungsstuecke werden drapiert.



Wallhangers.


Der Saal fuellt sich.

Backstage.

Human-Lamp und Tanz zu Ehren der Goettin Saraswathi. 

Headteacher's welcoming speech.



Salin und Ranga als verliebtes Paar.


Singing the class' theme song.


Pfauen-Paerchen-Tanz.

Grossartiges Solo von Chani.

"We are the children of the world village"

Song about the beautiful City of Galle.

Und zum Schluss noch ein kurzer Video-Clip, 

gedreht von Dhammikas Ehemann Premadasa. 


Ein laengerer Video-Clip, der alle Hoehepunkte der Veranstaltung zusammenfasst, wird noch kommen. Das Konzert wurde naemlich auch von einem professionellen Kameramann gefilmt.


UPDATE:

Und wie versprochen, praesentiere ich hier die Highlights des Events als zwanzigminuetigen
Zusammenschnitt:



Sonntag, 9. Dezember 2012

Der Countdown laeuft...

Nervositaet und Vorfreude praegen derzeit die Stimmung in der Class-of-Hope. Denn morgen wird sich herausstellen, ob sich die monatelange Vorbereitung und das intensive Ueben rentiert haben. In den letzten zwei Wochen haben Schueler und Lehrer nochmals einen Zahn zu gelegt, um am 10. Dezember eine rundum gelungene Vorstellung abzuliefern. Im Vordergrund stand natuerlich das musikalische Trainieren und Exerzieren. Die Sing-und-Tanz-Agenda ist ambitioniert, jedoch sind die Schueler weiterhin fleissig und motiviert bei der Sache und auch die Erfolgserlebnisse bleiben nicht aus. Insbesondere Dhammika, die Rektorin, gibt alles fuer das Projekt und arbeitet bis spaet in den Abend. Heute fand die Generalprobe im Schulhaus statt. Leider ohne die Kostueme, die noch ihren letzten Schliff bekommen haben, dafuer aber mit voller technischer Ausstattung wie Boxen, Mischpult, Verstaerker und Mirkophon.



Auch die Propaganda-Offensive ging in die letzte Runde. Wir hingen die drei frisch gedruckten Banner auf, eines am Schulgebaeude, eines gut sichtbar an der Kreuzung zur Udugama-Road und eines am Veranstaltungsort, dem Dilena-Hotel in Unawatuna. 




Eine Werbeaktion der besonderen Art fuehrten wir heute in Unawatuna durch. Zuvor hatten wir etwa hundert von meiner Wenigkeit entworfene Flugblaetter drucken lassen. Wir fuhren mit einem kleinen Lastwagen made by Tata von Magalle nach Unawatuna. Im Laderaum war ein Grossteil der Schueler, Thirani und einige Muetter verstaut. Am Zielort angekommen bildeten die Schueler Zweiergruppen, an die wir jeweils eine bestimmte Anzahl an Flugblaetter verteilten. Dann marschierte die Kolonne geschlossen zum Strand und die Schueler brachten die Handzettel unters Touristenvolk. Tatsaechlich bekamen wir so einige Aufmerksamkeit, nicht nur von den Touristen, sondern auch von den Einheimischen. Eine derartige Aktion war wohl bislang einzigartig in der Geschichte dieses Badeortes. Die Reaktionen waren ausnehmend positiv und die meisten sonnenbadenden Weissen nahmen die Flugblaetter interessiert und freundlich laechelnd entgegen. Es bleibt nur zu hoffen, dass sie auch Taten folgen lassen und morgen zahlreich erscheinen.



Da ich ja momentan einigen Leerlauf habe, hab ich mich ein wenig zu den Muettern in die Kueche gesellt. Jeder Held braucht jemanden, der ihm die Broetchen schmiert und so bin ich mit zwei Jungs, Asanga und Sanjeewa, zu einem nahegelegenen Shop gegangen, um Brot und etwas chemisch aussehende Marmelade zu kaufen. Zurueck in der Klasse spielte ich dann meine Hausmann-Qualitaeten aus und schmierte mit Hilfe von zwei Muettern Stullen, die auch ganz guten Absatz fanden. Wer mich noch aus der FSJ-Zeit kennt, weiss, dass ich mit derlei Dingen so einige Erfahrung habe.



Das wars dann auch schon wieder aus Sri Lanka. Wuenscht uns Glueck fuer den morgigen Tag. Ein ausfuehrlicher Bericht wird folgen.

Dienstag, 4. Dezember 2012

Reisebericht (Teil 1)

Ich bin nun seit gestern gluecklich und gesund von meiner Wanderschaft zurueckgekehrt und moechte an dieser Stelle ein wenig von meinen Abenteuern berichten:

1.Kandy:


Nach beschwerlicher achtstuendiger Bahnfahrt in einem ueberfuellten Dritte-Klasse-Wagon erreichte ich am 10. November spaetabends die vormalige Koenigsstadt Kandy. Kandy ist Sinnbild Singhalesisch-Buddhistischer Kultur und Identitaet. Nicht nur hat die Stadt am laengsten gegen die europaeischen Eroberer standgehalten, sondern hier wird auch die bedeutendste Reliquie des Buddhismus, der Eckzahn des Erleuchteten, im namensgebenden Zahntempel aufbewahrt.

Aussicht auf den Tempelkomplex.
Zentrum der Stadt ist eindeutig der im 19. Jahrhundert angelegte Kiri-Muhuda-See, an dessen Ufern sich das oeffentliche Leben abspielt. Auf dem Weg zum Tempelkomplex spaziert man den Uferweg entlang, trifft unterwegs nervige Schlepper, drollige Aeffchen sowie Pelikane und bewundert die Spiegelung des schneeweissen Pagodenbaus im lindgruenen Wasser. Und das war fuer mich bereits das Highlight des Zahntempels: die Aussenansicht.

Ich vor dem Zahntempel.


Das Innere besuchte ich puenktlich um 9.30 Uhr, zur sog. Puja-Zeit, wenn eine religoese Zeremonie abgehalten wird, bezahlte brav die 1000 Rupien White-Skin-Tax fuer den Eintritt und engagierte einen unfaehigen Touristenfuehrer fuer weitere 500 Rupien. Der Tourismus mag gut fuers Geschaeft sein, aber er ist verheerend fuer die Atmossphaere. Denn drinnen herrscht eine Stimmung wie auf einem religioesen Jahrmarkt. Reisegruppe fuer Reisegruppe flutet den Tempel, dann wird alles penibel abphotographiert, bevor es im klimatisierten Bus wieder in Richtung Hotel geht. Vor allem zur Puja-Zeit, wenn die Trommeln geschlagen werden, tummeln sich im Allerheiligsten mehr Touristen als Glaeubige. Es wird geschubst und gedraengelt. Keine Zeit, diesen Ort auf sich wirken zu lassen oder seine immense Bedeutung fuer das nationale Selbstbewusstsein Sri Lankas zu erfassen. Noch bevor die Tour beendet war, entliess ich meinen Fuehrer und verliess genervt den Tempelkomplex. Ich lief ziellos eine schmale Strasse entlang und fand unverhofft ein stilles Refugium, den British-Garrison-Cemetery.


British-Garrison-Cemetery
Peradeniya
In dem sorgsam restaurierten Graeberfeld wurden britische Offiziere und Kolonialbeamte bestattet. Ohne eine Rupie dafuer zu bezahlen, wurde ich von Mr. Charles, dem betagten Friedhofsgaertner, herumgefuehrt. Er wusste zu beinahe jedem Grab eine originelle Geschichte zu erzaehlen und das nochdazu in erstaunlich gutem Englisch. Im Anschluss erkundete ich noch den Aussenbereich des Tempels, in dem sich ein paar interessante Museen und die Schreine der vier (eigentlich Hinduistischen) Gottheiten Natha, Vishnu, Pattini und Kataragama befinden. Weitere Hoehepunkte meines Aufenthalts waren die Besuche im ehrwuerdigen Udawattakele-Urwaldschutzgebiet, das einst den Koenigen von Kandy als Park vorbehalten war, und des wunderschoenen botanischen Gartens Peradeniya, der durch eine internationale Vielfalt an Baeumen und Pflanzen besticht.
 Auch bin ich mehr oder weniger zufaellig in eine der beruechtigten Kandy-Dance-Auffuehrungen geraten. Nur so viel: niemals in Sri Lanka habe ich derart viele Bleichgesichter auf einem Haufen gesehen und dementsprechend war die Qualitaet der Darbietung. Musikantenstadl auf Ceylonesisch. Ansonsten empfiehlt es sich, Kandy auch einmal als moderne sri-lankische Grossstadt zu erleben und in dem bunten Gewuehl aus Strassenhaendlern, Bettlern, Passanten und schrillen Verkaufsbuden unterzutauchen.


2. Dambulla:


Mein weiterer Weg fuehrte mich nach Dambulla, ein gesichtsloses kleines Staedtchen, das als Verkehrsknotenpunkt zwischen dem Hochland, dem kulturellen Dreieck und der Ostkueste fungiert.
Haesslicher Eingangsbuddha.
Abgesehen davon gibt es nur einen Grund Dambulla zu besuchen oder wenigstens zu passieren: die Hoehlentempel, die unterhalb eines imposanten Bergrueckens liegen. Den Eingang markiert am Fusse des Berges eine grotesk-riesenhafte Buddhastatue, goldfarben und kitschig wie eine Plastikimitation aus Las Vegas. Der eigentliche Aufgang befindet sich rechts daneben. Zuerst gilt es jedoch fuer saftige 1500 Rupien ein Ticket zu loesen. Anschliessend geht es ueber viele steinerne Stufen hinauf zum Heiligtum.



Gefraessiger Affe
Der Weg nach oben ist gesaeumt von Bettlern, Souvenierhaendlern und alten Muetterchen, die Blueten als Opfergaben fuer den Buddha feilbieten.
  Man begegnet russischen Touristinnen, die auf Pfennigabsaetzen die Stufen erklimmen und Ostasiaten, die ihre kuerzlich erworbenen Opferblumen an die Affen verfuettern und sich dabei koestlich amuesieren.
Der Tempel an sich, bestehend aus sechs in den Fels geschlagenen Grotten war erneut eine persoenliche Enttaeuschung. Zum einen aufgrund des ueblichen Massenaufgebots an Touristen, zum anderen aufgrund des Heiligtums an sich. Ich versuchte etwas spirituelle Atomssphaere zu atmen. Alleine, es gelang mir nicht, weil es nichts zu atmen gab. Die Hoehlen an sich stammen zwar aus einem vorchristlichen Jahrhundert, sie sind jedoch kurzlich -sprich vor ca. einem Jh.- renoviert und mit einer derart inflationaeren Menge an Buddhas vollgestopft worden, dass man sich bald in einem billigen
Souvenierladen waehnte.
Tempelanlage
 Buddhas an der Wand, Buddhas an der Decke, Buddhasstatuen auf der Erde, es war einfach zu viel des Buddhas. Enttschaedigt wurde ich wie zuvor in Kandy mit etwas Kostenlosem, naemlich mit einem grandiosen Ausblick. Als ich die Hoehlen wieder verliess und das kleine Hochplaetau erreichte, wo ich meine Schuhe zurueckgelassen hatte, brach gerade die Sonne durch und ein Stueck blauer Himmel wurde sichtbar.
 Unter mir erstreckte sich ein vergessener Kontinent, bis zum Horizont bedeckt mit dichtem Urwald und sumpfigen Reisfeldern, aus dem sich maechtige nebelverhangene Bergmassive erhoben. Das Farbenspiel des fruehen Abendhimmels bot einen malerischen Hintergrund, sodass ich trotzdem zufrieden in meine Herberge zurueckkehrte.








3. Sigiriya:


Noch am selben Abend tat ich mich mit einem wortkargen Ukrainer zusammen, um mir mit ihm einen Three-Wheeler zur Felsenfestung Sigiryia zu teilen. Wir brachen frueh am morgen auf und erreichten nach etwa fuenfundvierzig Minuten Fahrt unseren Zielort. Schon von weitem sieht man den gewaltigen, ueber 200 Meter hohen Granitmonolithen aus der flachen Landschaft ragen.

Sigiriya
Wolkenmaedchen.
Dort oben errichtete der Usurpator Kassapa im 5. nach-christlichen Jahrhundert seinen Herrschaftssitz. Dem Bau ging ein Familiendrama voraus, in dessen Verlauf Kassapa, der Sohn des Koenigs Dhatusena und seiner Maetresse, erfolgreich putschte und seinen Vater ermorden liess. Sein Halbbruder Moggallana, der legitime Thronfolger, floh daraufhin nach Indien, um Verbuendete gegen den Bastardkoenig um sich zu scharen.




Etwa zwanzig Jahre waehrte Kassapas Tyrannei, bevor ihm Moggallana schliesslich den Garaus machte. Immerhin hinterliess er ein spaeteres Weltkulturerbe und eine sehr lukrative Einnahmequelle. Fuer jeden auslaendischen Besucher werden 30 US-Dollar pro Einzelticket kassiert. Natuerlich musste ich am Schalter erfahren, dass das insgesamt guenstigere Rundticket des Central-Cultural-Found kuerzlich gestrichen wurde. Aber das sollte meine Laune nicht weiter trueben, denn sowohl der Anblick der Sigirya, als auch der Ausblick von ihrem Gipfel sind den Eintrittspreis allemal wert.

Aussicht von oben
Loewentor.

 Auch geraet man ins Staunen ueber die baulichen Leistungen dieser fruehen Zivilisation. Zunaechst betritt man die kunstvoll angelegten Lustgaerten, die dem Felsen vorgelagert sind. Ueber ein raffiniertes Leitungssystem wurden die steinernen Wasserbecken mit frischem Nass versorgt. Dann geht es ueber die ersten Treppenstufen hinauf in den Felsengarten, der mit massiven Findlingen gespickt ist und einen scharfen Kontrast zur Symmetrie der Wassergaerten bildet. Einen grossen Teil des Charmes dieser Ruinen macht tatsaechlich die ueppige Vegetation aus. Als waere die gesamte Anlage ueber die Jahrtausende voellig unberruehrt geblieben. Bald wurde es schweisstreibend und meine Raucherlunge flehte lautstark um Gnade, als ich die steilen Treppen nahm, die direkt am Fels entlang fuehren. Meine leichte Hoehenangst machte mich ein bisschen wacklig auf den Beinen, obwohl der Weg durch einen Gitterkaefig gesichert ist. Auf halber Hoehe wurde ich mit dem Anblick von barbusigen Grazien belohnt, die dort seit 1500 Jahren einen immerwaehrenden Striptease hinlegen. Die Rede ist natuerlich von den Fresken der beruehmten Wolkenmaedchen. Tatsaechlich strahlen diese antiken Malereien eine groessere Sinnlichkeit aus als die meisten selbsternannten Schoenheiten des 21. Jahrhhunderts mit ihrem Plastikgrinsen.

Ansicht von unten.



Wie dem auch sei, schweissueberstroemt steht man schliesslich auf einem kleinen Plateu und vor einem weiteren Aufgang, der von zwei steinernen Tatzen flankiert ist, dem Loewentor. Etwas abseits dahinter entdeckte ich drei meditierende Ostasiaten, die sich dort ihr kleines Refugium geschaffen hatten. Hier wird man nun ein letztes Mal gefordert, die Stufen zum Koenigspalast zu erklimmen, um dann einen majestaetischen Blick zu geniessen. Aufgetuermte Wolkenformationen, darunter Berge am Horizont und davor dichtes Gruen und Reisfelder soweit das Auge reicht. Da vernachlaessigt man glatt die Grundmauern von Kassapas alter Residenz, deren vergangene Pracht sich aber leicht erahnen laesst. Auf dem Gipfel eines zweihundert Meter hohen Monolithen muss selbst eine Wellblechbaracke noch etwas Herrschaftliches haben.    


4. Anuradhapura:

 
Zurueck von der Sigiriya, nahm ich eine schnelle Mahlzeit in meinem Guesthouse ein und brach
dann auch sofort auf, um den Bus nach Anuradhapura zu erwischen. Ich stieg im Busbahnhof der
New-Town ab, wo sich Geschaefte, Restaurants und Herbergen konzentrieren. In der Altstadt, auch Sacred City genannt und Wahrzeichen von Anuradhapura, befinden sich die bekannten Ruinenstaetten, die sich aus den drei grossen Klosterkomplexen Maha Vihara, Abhayagiri Vihara und Jetavana Vihara zusammensetzen.

Jaya Sri Maha Bodhi
 Auch steht hier der Jaya Sri Maha Bodhi, der aelteste und heiligste Baum der Insel, der angeblich ein Ableger des original Bodhibaumessein soll, unter dem Buddha seine Erleuchtung erlangte. Tatsaechlich hat die Sacred-City die Ausmasse einer Kleinstadt, weshalb sie sich am einfachsten mit dem Fahrrad erkunden laesst, ich sage bewusst nicht: am bequemsten. Denn die Fahrraeder, die man sich hier fuer ca. 300 Rs. am Tag von den Guesthouses mieten kann, haben weder Licht, noch Gangschaltung, noch Luft in den Reifen.
 Als 1,90 Meter grosser Europaeer muss man sich beim Fahren halb durchbiegen und die Saettel sind derart hart und unbequem, dass man allein durch ihren Anblick Geschwuere am Hintern bekommt. Hinzu kommt, dass man als Radler das schwaechste Glied in einer Strassenverkehrskette ist, die nur das Recht des Ueberholenden kennt. Ich beschraenkte mich an diesem ersten Tag also darauf, einige Uebungsrunden zu drehen und den Abend im Guesthouse zu verbringen. Bei dieser Gelegenheit lernte ich ein sympathisches Paerchen aus Holland kennen. Wir leerten zusammen ein Flaeschchen Arrak, eine aus Kokosnuss destillierte Spirituose, und beschlossen spontan, unsere Reise gemeinsam fortsetzen.

Ruvanveli-Dagaba
 Die naechsten beiden Tage entdeckten wir die Sacred-City per Drahtesel. Insbesondere vom ehrwuerdigen Bodhi-Baum geht eine besondere Aura aus. Mehr als einmal wurde er das Ziel von Anschlaegen hinduistischer Fanatiker. Erst 1985 stuermte ein Killer-Kommando der Liberation Tigers of Tamil Ealam die Anlage und massakrierte wahllos dutzende Zivilisten. Zierlicher als erwartet und von einem Metallgeruest gestuezt ruht der Sri Maha Bodhi auf der hoechsten von drei Terrassen. Glaeubige in weissen Gewaendern sitzen in Meditation versunken zu seinen Wurzeln oder bringen auf Altaeren allerlei Opfergaben dar. Nebenbei ertoenen aus einem Lautsprecher buddhistische Gesaenge. Es lohnt sich, sich fuer ein paar Minuten niederzusetzen und die Stimmung dieses sakralen Ortes in sich aufzusaugen. Ueberhaupt laedt dieser Garten aus Monumenten zum Verweilen ein.

Die Ruinen sind eingebettet in eine Landschaft aus sattem Gruen, Kraniche mit weissem Gefieder und langen gelben Schnaebeln durchstreifen das sumpfige Grasland, aus dem imposante knorrige Baeume hervorragen. In ihren Wipfeln verbirgt sich eine Vielfalt an Voegeln, die ihre seltsamen Rufe erklingen lassen. Ab und zu sieht man Schlangen durch das Unterholz kriechen. Ich genoss die Stille und Verlassenheit dieser Ruinen. Besonders in Erinnerung bleiben einem natuerlich die massiven kuppelfoermigen Stupas, die nicht umsonst die Phantasie der Ufologen befluegelten. Am meisten imponiert hat mir jedoch die als Samadhi-Buddha bekannte Statue im Abhayagiri Vihara. Schlicht und schnoerkellos kommt sie daher, ohne Schmuck, Farbe oder aufwendiges Dekor. Auch benoetigt sie nicht die Ausmasse eines Scheunentores, um den Blick des Besuchers zu fesseln. Diese puristische Abbildung zeigt den Erleucheteten in Meditationshaltung und ist fuer mich persoenlich der schoenste Buddha Sri Lankas.

Samadhi-Buddha
Vor der Abhayagiri Dagaba durften wir ausserdem Zeuge eines bizarren Rituals werden. Zu beiden Seiten des Eingangs zur Stupa befindet sich ein Devale, ein Schrein fuer die Hindugottheiten, die ganz selbstverstaendlich neben Lord Buddha als Schutzgottheiten verehrt werden. Bei den Singhalesen sehr populaer ist Kataragama, der auch als Patron Sri Lankas gilt. Dort also wurde eine ganz altmodische Teufelsaustreibung durchgefuehrt. Ein junges Maedchen drehte wie verrueckt ihren Kopf mit den langen schwarzen Haaren um die eigene Achse, waehrend der Exorzist Beschwoerungsformeln sprach und ueber ihrem kreisenden Haupt Zitronen in zwei schnitt. Einmal fiel das Maedchen bewusstlos zu Boden. Dann hob es der Exorzist auf und versetzte es wieder in Drehung bis das Ritual beendet war. Ein Anwesender erklaerte mir in gebrochenem Englisch, der ganze Zauber wuerde dazu dienen, die Seele eines kuerzlich Verstorbenen aus dem Hirn des Maedchens zu jagen. Ob das gelungen ist, sei dahingestellt, aber offenbar hat sie keine bleibenden Schaeden erlitten.
Exorzismus
 Ein weiteres grossartiges Erlebnis war die spezielle Einladung zum Dinner, ausgesprochen von unserem Touristenfuehrer, der uns zuvor aeusserst sachkundig durch die Ruinen gefuehrt hatte.
Er war ein auffallend kleiner und dunkler Mann von mittlerem Alter, der auf Martial-Arts stand und seine Cousine geheiratet hatte. Die Hollaender und ich trudelten mit High-Class-Arrak und Zigaretten als Gastgeschenk in seinem Haus ein und wurden mehr als zuvorkommend bewirtet. Reis mit verschiedensten Curries wurde serviert. Wir speisten zu dritt an der Tafel, waehrend seine ganze Familie plus sein Schwager, der zugleich sein Cousin war, und dessen ganze Sippe um uns herumstanden, uns beim Essen zusahen und immer grosszuegig nachschaufelten, bis wir zu platzen drohten. Ein unterhaltsamer Abend, der noch unterhaltsamer wurde als der Arrak zu fliessen begann.